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Musiktherapie

„Einige möchten gleich ihrer Spiellust nachgehen.“ 


Ein Gong, eine Pauke, ein Klavier, eine Gitarre, eine Triangel ....,  ein CD Player, ein Verstärker, dazugehörige Lautsprecher.

Musiktherapie nutzt Klang, Rhythmus, Schwingung um den Menschen in seinen Fähigkeiten zur Resonanz, in seinen Gefühlstönungen, Stimmungen und Befindlichkeiten anzusprechen. 

Musik kann zärtlich, sanft, liebevoll klingen, sie kann Geborgenheit vermitteln. Musik kann heiter, anregend, fröhlich sein, sie kann aber auch die traurigen, sehnsuchtsvollen, die düsteren und ängstlichen Gefühle und Stimmungen wiederspiegeln.

Wir erleben das im Kino. Musik belebt die Szene, sie intensiviert das Geschehen (die Liebesszene, die grandiose Landschaft, den Abschiedsschmerz, den Spannungsaufbau vor der nächsten Aktion ... )

Musik kann uns bewegen, aktivieren, in Stimmung versetzen, Bilder und Phantasien anregen.

Sie hat uns im Leben schon immer begleitet. Sie kann daher auch Erinnerungen wecken. 

Viele Patienten erleben sich durch ihre Krankheit in ihrer Erlebnis- und Ausdrucksqualität  beeinträchtigt. Die Kreativität, das Denken, das Handeln, die Phantasie kann eingeschränkt sein – wichtige Elemente für persönliches Wohlbefinden. Stress, Kränkungen, Verluste, schwerwiegende Erlebnisse bewirken Verspannung, Anspannung, Unwohlsein. Die Schwingungsfähigkeit ist nicht mehr so gegeben.

In der Musiktherapie wird in kleinen Schritten in einer zunächst herzustellenden angstfreien Atmosphäre inneres Erleben wiederbelebt, werden Gefühlsnuancen in Schwingung gebracht. Das persönliche, manchmal verschüttete, innere Instrumentarium wird aufgesucht und  wiederentdeckt.

Mit für jeden handhabbaren einfachen Tönen wird dem Prozess des freieren Gestaltens in der Musiktherapie vertraut.  

Hören, zuhören, auf das vertrauen, was sich im Moment aus mir heraus gestaltet. Ein schöpferischer Prozess. Mehr und mehr sich darin übend, stellt sich Befreiung ein von Enge, Angst, Unsicherheit.   

Als aktive oder rezeptive Form kann Musiktherapie entsprechend den Voraussetzungen und Zielsetzungen ressourcen- und erlebnisorientiert eingesetzt werden. Mit ihr können aber auch Konflikte angegangen und bearbeitet werden. In Szenen des Alltags und in unserem Sprachgebrauch finden sich Entsprechungen: vielleicht kommen wir mit den Dissonanzen nicht mehr zurecht, sind immer ein bisschen zu kleinlaut, sind von Unstimmigkeiten und Taktlosigkeiten umgeben. Man würde schon gerne mal auf die Pauke hauen, den Ton angeben, traut sich aber nicht...  Wir erleben, dass wir manchmal nicht mehr im Einklang sind mit uns, mit den Mitmenschen, mit der Umwelt.

Musiktherapie spricht den Menschen in der Therapie an, weil sie heilsam und ausgleichend sein kann: wo zu viel Anspannung und Leistungsstress vorherrscht kann sie wieder mehr spielerische Qualität und Genussfähigkeit herbeiführen. Sie hilft zur Spannungsregulation.

Musiktherapie kann zudem Unbewusstes ins Bewusstsein bringen, sinnlich greifbar und verstehbar machen. Dysfunktionale Wiederholungen können dann durch musikalisch-therapeutische Bearbeitung einer Veränderung, vielleicht auch einer Auflösung zugeführt werden. Klänge fördern und erweitern das eigene Selbst- und Fremderleben (Einzelmusiktherapie) und die Begegnung mit anderen (Gruppenmusiktherapie).  

Ein Beispiel für Musiktherapie im Einzelkontakt:

Eine Patientin, 57 Jahre, leidet an depressiven Zuständen. Die Symptomatik trat auf, als ihre Arbeitsstelle ohne Begründungen, forciert durch eine jüngere Kollegin, von heute auf morgen gekündigt worden war. Für die Patientin brach eine Welt zusammen. Sie war mit ihrem Beruf sehr zufrieden, hatte schon lange in diesem Betrieb gearbeitet und sie war von ihrer Qualität und ihrer Leistungsfähigkeit überzeugt. Sie hatte immer ihre Arbeit gut gemacht, auch in ihrem Elternhaus war sie als Älteste früh in den Arbeitsprozess verantwortungsvoll eingebunden. Sie war es gewohnt, sich ruhig zu verhalten, selten zu rebellieren, sich an die Forderungen anzupassen. So war es auch jetzt: die Kündigung bewirkte Ohnmacht und tiefgreifendes Kränkungserleben. Selbstquälerische Gedanken, Selbstanklagen, ohnmächtige Wut führten in diesen krankmachenden depressiven Zustand, aus dem schon seit längerer Zeit kaum ein Ausweg sichtbar war.  

In der Musiktherapie konnten zunächst die persönlichen Erlebnisse in all den verschiedenen Zusammenhängen genauer betrachtet werden. Wir gingen dazu über, sinnvolle Ziele zu erarbeiten: auf der Basis von mehr Selbstsicherheit wollte sich die Patientin mehr Mut zu eigenem Ausdrucksvermögen und zu angemessenem Handeln erarbeiten. Auch war Thema, die Bedingungen und die Mechanismus für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Depression besser verstehen zu lernen.

Die Patientin suchte sich als erstes Instrument eine Pauke. Sie spürte, dass sie im Sinne eines harmonisch guten Funktionierens ihre Gefühle bisher stark zurückgehalten hatte. Nicht aus der Reihe fallen, nicht gegen die Eltern aufbegehren, nicht die eigene Meinung vertreten war ihr früh vermittelt worden. Sie tastet sich mit ihren Händen an die Pauke heran, wird mit ihr vertraut. Im Tun kann sie erfahren, dass die Bewegung ihres Tuns und die zielgerichtetere Gestaltung der in ihr gespürten Töne und Klänge nach außen eine beruhigende, Angst und Anspannung abbauende Wirkung hat. Sich selbst wieder dynamischer erleben können - lauter und leiser werden dürfen - ist für Menschen mit einem depressiven Verarbeitungsmodus eine sehr wichtige weiterführende Erfahrung. Sie führt nach und nach aus dem subjektiv erlebten Stillstand heraus.

Die Patientin stellt nach dem Tun innere Beruhigung fest. „Das ist ein gutes Gefühl!„ Ein anderer Zustand als ein ständiges An-sich-halten-müssen, ständiges über sich selbst grübeln, ständige Antriebslosigkeit. Die Patientin lernt in der Musiktherapie in weiteren Sitzungen mit anderen Instrumenten z.B. durch einfaches Anzupfen von Saiteninstrumenten die Schwingungen des Instrumentes in sich wahrzunehmen, innere Resonanz zu empfinden. Auch kann sie die Intensität des Tones selbst bestimmen. Sie spürt die Wirkung der Töne sofort und unmittelbar in ihrem Inneren (es handelt sich hier nicht um eine schwere Depression, in der nichts mehr erlebt werden kann). Sie empfindet immer mehr Freude an den Tönen, sie kann diese selbst bestimmen, sie erlebt wieder ihre Selbstwirksamkeit: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das kann!“ Sie erfährt aber auch, wie sie sich selbst Anstrengung erzeugt im Spielen, wenn sie zuviel will, wenn unbegründete Angst aufkommt. Sie lernt auch das zu steuern, weil sie erfahren kann, wie im musikalischen Tun organische Abläufe ohne Stress funktionieren. Sie erlebt auch Anregungen für ihre Phantasiefähigkeit. Auf den Tempelblocks hört sie einen Specht. Ihr Satz dazu: „Wer fleißig klopft ist glücklich und zufrieden!“ Sie lacht dazu. Töne können sehr plastische Bilder erzeugen.  Mit dem kleinen Bass kann sie die tiefen und höheren Schwingungen in ihrem Körper genau lokalisieren. Aus der Gleichförmigkeit des depressiven Erlebens wird eine leibhaftige differenzierte Körperwahrnehmung – eine Grundvoraussetzung für Wahrnehmungsprozesse. Der Therapeut fragt: „Wo würden sie denn im Orchester mit ihrem Bass stehen?„ Sie antwortet: „Früher wäre ich bestimmt ziemlich still ganz hinten gestanden. Die erste Geige war ich nie, aber da kann ich ja noch daran arbeiten...“ 

In der Abt. Psychiatrie und Psychotherapie findet Musiktherapie in jeweils methodisch differenzierter Form Anwendung bei den verschiedenen Formen der Depression, bei Angstzuständen, Zwangsstörungen, bei Persönlichkeitsstörungen, bei Patienten mit traumatischen Erlebnissen, bei Psychoseerkrankungen. Sie ist eingebettet in ein Gesamtbehandlungskonzept. 

Josef Moser
Lehrmusiktherapeut BVM,
Integrativer Gestalt- und Bewegungstherapeut EAG/FPI

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Juni 2010

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