Musiktherapie in der stationären Psychosomatik
Aus den alten Heilweisen der Schamanen und Medizinfrauen mit ihrem Instrumentalrepertoire haben sich in den letzten fünfzig Jahren wirksame therapeutische Verfahren entwickelt. In der Verbindung mit Theorie und Praxis verbaler Psychotherapien entstand das, was wir heute als Musiktherapie bezeichnen. Der Rhythmus als Teil des Musik-Wirkprinzips kann bei uns da anknüpfen, wo wir schon durch vorgeburtliches Hören des Herzschlages der Mutter (etwa 26 Millionen Mal) bereits die entscheidende rhythmische Prägung erfahren haben. Und dies setzt sich dann nach der Geburt fort – die ganze Welt um uns herum ist Rhythmus, Klang oder Geräusch. Dies erklärt auch, dass wir Antennen oder Sensoren für Rhythmen haben, wo immer wir ihnen begegnen: im Takt von Musik der verschiedenen Stilrichtungen, den Rhythmen von Maschinen oder beim Tanzen. Umgangssprachlich beschreiben wir unseren Zustand häufig mit musikalischen Begriffen: ich bin aus dem Takt gekommen, ich bin verstimmt, ich möchte meinen Rhythmus wiederfinden, ich möchte mich einstimmen, einschwingen, Resonanz geben. Modern spricht man heute von „good vibrations“. Welche heilsamen Kräfte kann die Musik in der Musiktherapie entfalten? Als Psychotherapeut und Musiktherapeut, der seit 30 Jahren Musiktherapie macht und in diesem Feld noch immer praktisch tätig ist, verstehe ich Musiktherapie als Psychotherapie im Medium Musik. Prinzip: In der Musiktherapie setze ich Musik mit ihren Elementen Klänge und Rhythmen ein, um mit den Patienten in einem Bereich zu arbeiten, wo das Wort für eine bestimmte Zeit hinter der Musik zurücktritt: beim Erleben und den damit verbundenen Erfahrungen von gehörter oder selbstgestalteter, improvisierter Musik. Die Ziele der Musiktherapie sind wie in der verbalen Psychotherapie: Wiedererlangung von Handlungs – und Entscheidungskompetenz, Freude am Leben, Besserung oder Linderung von seelischen Leiden, Minderung oder Rückgang von körperlichen Beschwerden, auch als Reaktion auf seelische Leiden. Dazu stehen uns zwei Formen der Musiktherapie zur Verfügung: 1. Aktive Musiktherapie: Bei freien Improvisationen auf allen möglichen Instrumenten (die in der Musiktherapie ohne Vorkenntnisse spielbar sind) eröffnet sich zu dem Sprachkontakt eine zweite, nicht sprachliche Dialogebene zwischen dem Therapeuten und den Patienten, einer Patientin mit ihrem Partner oder auch zwischen Anteilen des Patienten (z.B. einem eher strengen und einem eher weichen, gewährenden Anteil). Patienten lernen sich besser zu verstehen, weil die Konflikte und mögliche Lösungsansätze ins Hier - und - Jetzt des improvisierten Spiels geholt und damit unmittelbar erlebbar werden mit all den damit verbundenen Gefühlen wie Trauer, Schmerz, Sehnsucht nach Zuneigung und Geborgenheit, aber auch Scham, Wut, Verletzung, Kränkung oder Enttäuschung. Das gelingt bei solchen Improvisationen auf der musikalischen Ebene oft leichter als in Gesprächen. Auch laute oder auch disharmonische Klänge haben nicht die oft leidvoll erfahrene zerstörerische Wirkung von Worten. Obwohl viele Menschen durch vernichtende Kritiken, Demütigungen und Beschämungen jeden Selbstwert verloren haben, scheuen sie sich, über ihre Verletzungen zu sprechen und das auszudrücken, was sie gegenüber diesen Personen fühlen und noch nie gesagt haben. Hier können musiktherapeutische Angebote helfen, all das auf selbst gewählten Instrumenten in einer Improvisation auszudrücken, was sprachlich noch nicht möglich ist. Am Ende einer Improvisation versuchen wir das Erlebte, Gehörte und Gefühlte in Worte zu fassen. Musik wird so zu einem hilfreichen Medium und wir verstehen, aus welchen Anteilen wir unser Leben gestalten. 2. Rezeptive Musiktherapie Bei dieser Form geht es zunächst um das Hören von Musik. Über Klänge lassen sich Wege zum Unbewussten finden – ähnlich wie in Träumen. Die Szenen oder Bilder, aber auch Körpergefühle, die nach einer Klangreise mit einem Gong, einer Klangschale oder einer Schamanentrommel auftauchen, haben oft Ähnlichkeiten mit Traumsequenzen. Deshalb spiele ich die nachfolgend beschriebenen Instrumente, gelegentlich aber auch ausgewählte Beispiele von Musik auf CD. Langsame Schläge auf eine Schamanentrommel beruhigen Herz und Atmung, schnelle Rhythmen können in bewusstseinsverändernde Zustände im Sinn einer Trance führen. Zum Klang der Trommel kann ich mich auf die Suche nach meinem Krafttier begeben. Rhythmen und Klänge können eine Verbindung von außen nach innen herstellen und „unter die Haut gehen“. Mit anderen monochromen, einfarbigen Klängen, die ich vorspiele, lade ich die Zuhörer zu einer Klangreise ein: Mit dem Monochord (flacher, rechteckiger Holzkasten ca. 150 x 25 cm aus dünnen Seitenwänden aufgebaut, auf der Ober- und Unterseite bespannt mit 16 oder mehr Saiten in gleicher Stimmung) begegnen wir oft vorgeburtlichen Erfahrungen und reisen mit solchen Klängen zum inneren Kind oder an einen Platz der Ruhe oder inneren Sicherheit. Die gleichgestimmten Saiten, über die der Spieler mit den Kuppen der Mittelfinger mit sanfter Berührung streicht, erzeugen neben dem Grundton eine Fülle von Obertönen, die von Patienten als „sphärisch“ oder „Himmelsmusik“ beschrieben werden. Die hohe Klangschale, durch leichtes Reiben mit einem Klöppel zum Schwingen gebracht, „weiß“ die Antwort auf meine Frage zu meinem inneren Ziel. Mit dem Gong komme ich an das „Stirb und werde“. Dabei wird deutlich, was ich loslassen muss, was also „sterben“ soll, damit ich wirklich freier leben kann. Bei vielen tauchen beim Gongspiel Erinnerungen an das „auf die Welt kommen, geboren werden“ auf.
Buchhinweis für Interessierte: Prof.
Dr. med. Wolfgang Schroeder
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